Stellt Euch vor: Ihr arbeitet an der Umsetzung eines neuen digitalen Projekt z. B. einem Spendenformular, einem Mitgliederportal für eine Webseite oder App. Alles läuft bestens! Das Design sieht grandios aus, die Entwicklung ist dran, on time und on-point. Das komplette Team ist motiviert, nein HYPED, denn ihr baut hier gerade was ganz Tolles. Dann, plötzlich, irgendwann im Prozess, tauchen sie plötzlich auf, die ersten Sandkörnchen im Getriebe. Egal was ihr macht, die Sandkörner werden immer mehr, nie weniger.
Kennt ihr – so oder so ähnlich? Oder?
Dieses Phänomen hat einen Namen: die Ausführungslücke (englisch: Execution Gap). Und sie tritt häufiger auf als man denkt – bei Agenturen, Organisationen, Hochschulen, öffentlichen Einrichtungen. Bei fast allen, die an digitalen Projekten arbeiten. Die Frage ist: An wem oder was liegt das? Und warum wiederholt es sich immer wieder? Eine der zentralen Ursachen ist der UX-Reifegrad eurer Organisation.
Was ist der UX-Reifegrad?
Der UX-Reifegrad (englisch: UX Maturity) beschreibt, wie tief menschenzentriertes Design in einer Organisation verankert ist. Menschenzentriertes Design ist Design, das von echten Nutzerbedürfnissen ausgeht. Wichtig ist dabei, dass Design nicht nur im Designteam verankert ist – sondern auch in Strategie, Prozessen, Kultur und in der Art, wie Entscheidungen im Unternehmen getroffen werden. Es geht also nicht nur um Design als (visuelle) Gestaltung, sondern um menschenzentriertes Denken und Arbeiten – über alle Gewerke hinweg.
Der dänische UX-Forscher Rolf Molich definiert UX-Reifegrad so:
„UX maturity is an organization’s level of understanding and implementation of a systematic, human-centered design process within the organization or a development team." – Rolf Molich
Kurz gesagt: Je höher der UX-Reifegrad, desto systematischer, verlässlicher und nachhaltiger funktioniert menschenzentriertes Arbeiten – unabhängig davon, ob gerade ein großes Projekt läuft oder nicht.
Woher kommt das Konzept? Eine kurze Geschichte
Der UX-Reifegrad wird seit fast 30 Jahren erforscht. Seine Wurzeln reichen bis in die 1980er Jahre zurück. Das Capability Maturity Model (CMM) – entwickelt 1986 auf Initiative des US-Verteidigungsministeriums – war das ursprüngliche Vorbild. Es basierte auf der Analyse von Softwareentwicklungsprozessen und beschrieb in fünf Stufen, wie gut oder schlecht diese Prozesse funktionierten. Ziel war nicht Perfektion, sondern Orientierung: Was ist auf welcher Stufe sinnvoll? Und wie kommt man zur nächsten?
Auf diesem Fundament entstanden später UX-spezifische Modelle – darunter das Modell von Jonathan Earthy (1998). Wie das CMM basieren auch die Modelle der Nielsen Norman Group (2006) oder Chapman & Plewes (2014) auf Ergebnisanalysen von Arbeit an Kundenprojekten. Wieder andere Modelle orientieren sich an ISO-Standards wie ISO/IEC 15504 (SPICE) oder ISO 33020.
UX-Reifegrad Modelle haben nicht nur unterschiedliche Entstehungshistorien, sondern auch unterschiedlich viele Stufen und Namen für diese Stufen. Die Modelle sind allerdings nicht als Schablone zu sehen, die man über Digitalprojekt Prozesse stülpt, und alles rot markiert, was außerhalb der Linien läuft. Sie sind als Modelle zu verstehen und damit als "(...) Repräsentant zum ‹künstlerischen Experimentieren›, als ein ‹Raumgeber› (...)" (Quelle: Wikipedia wikipedia.org/wiki/Modell_(Wissenschaft)) hilfreich, da richtungsweisend.
Existierende Modelle unterscheiden sich in Details – aber sie zeigen alle in dieselbe Richtung.
Die UX-Reifegrad-Stufen: Wo steht eure Organisation?
Das weltweit meistzitierte UX-Reifegrad Modell ist vermutlich das der Nielsen Norman Group (NN/g).
Nielsen Norman arbeiten in ihrem Motell mit 6 Stufen:
- Absent – Fehlend: UX existiert nicht oder wird aktiv abgelehnt
- Limited – Limitiert: UX passiert vereinzelt und ist abhängig von Einzelpersonen
- Emergent – Aufstrebend: UX-Ansätze entstehen, sind aber inkonsistent
- Structured – Strukturiert: UX-Prozesse sind definiert, aber noch nicht überall verankert
- Integrated – Integriert: UX ist Teil des regulären Arbeitsablaufs
- User-Driven – Nutzer:innen gesteuert: Menschenzentriertes Denken treibt die gesamte Strategie an
Zusammenfassend beschreibt das Modell die UX Stärken und Schwächen eines Unternehmens, von Unternehmen die (noch) nicht menschenzentriert arbeiten (= Stufe 1: "Absent – Fehlend"), bis hin zu Unternehmen, bei denen menschenzentriertes Arbeiten und Denken im motorischen Gedächtnis verankert ist (= Stufe 6: "User-Driven – Nutzer:innen gesteuert"). Die ausführliche Beschreibung der Stufen ist auf der Seite der Nielsen Norman Group (www.nngroup.com/articles/ux-maturity-model) zu finden.
UX-Reifegrad Progression
It’s a long way to the top if you wanna rock n’ roll
Ihr habt die Vermutung, dass ihr auf Stufe 1 seid und denkt nun, dass der Weg zur Stufe 6 ein langer, steiniger Weg ist? In dem Fall habt ihr nicht ganz unrecht. ABER, die gute Nachricht ist: Man muss nicht ganz nach oben und die höchste Reifestufe erreichen, um gute menschenzentrierte Arbeit zu leisten.
Es gibt keine öffentliche Rangliste, keinen Wettbewerb und keinen Goldstandard, den alle erreichen müssen. Der UX-Reifegrad ist kein Zielzustand – er ist ein Navigationsinstrument. Was zählt, ist nicht die Stufe, die ihr heute habt, sondern dass ihr ehrlich wisst, wo ihr steht. Denn nur dann könnt ihr Projekte so gestalten, dass sie auch wirklich für Euch funktionieren.
Lohnt sich ein UX-Reifegrad Bestimmung?
Wenn ihr euren UX-Reifegrad kennt, habt ihr den wichtigsten Grundstein für ein erfolgreiches Projekt gelegt. Nicht weil ihr dann alles richtig macht – sondern weil ihr wisst, was realistisch ist. Was euer Team heute leisten kann. Denn ist man sich bewusst für welchen UX-Reifegrad man gestaltet, hat man damit schon den besten Grundstein gelegt: für ein erfolgreiches Projekt das landet, statt eines Projektes, das hinter den Erwartungen zurückfällt. Lorraine Chapman und Scott Plewes haben es so formuliert:
„Understanding the organization’s “maturity” level is a necessary first step for improving the effective delivery of UX design and for enabling the organization to advance to the proverbial “next level.”“ – Lorraine Chapman und Scott Plewes
Interesse an einem Blick auf euren UX-Reifegrad?
Unserer Empfehlung: der Maturity-Snapshot, ein Produkt der Truly XD Kompetenzaufbau Reihe ist der ideale Startpunkt. Falls das interessant klinkt, schickt eine Mail an jenny@trulyxd.com, nehmt über LinkedIn Kontakt auf oder vereinbart ein unverbindliches Kennenlerngespräch auf Meetergo.
Über die Autorin Jennifer Moss gestaltet seit über 20 Jahren digitale Produkte — zuerst als Freelancerin (Miss Moss Multimedia Design), seit 15 Jahren mit ihrem Studio BIRD UX (ehemals The Geekettez). Mit Truly XD bündelt sie diese Erfahrung in einem inklusiven, reifegradgerechten Designprozess für wertegetriebene Organisationen. Connect: LinkedIn · Bluesky · Are.na
Weiterführende Quellen
- Capability Maturity Model (CMM) https://en.wikipedia.org/wiki/Capability_Maturity_Model
- The 6 Levels of UX Maturity, Nielsen Norman Group https://www.nngroup.com/articles/ux-maturity-model/
- A UX Maturity Model: Effective Introduction of UX into Organizations, Lorraine Chapman and Scott Plewes https://www.researchgate.net/publication/300580785_A_UX_Maturity_Model_Effective_Introduction_of_UX_into_Organizations
- ISO/IEC 15504-5 (SPICE) https://de.wikipedia.org/wiki/ISO/IEC_15504, https://en.wikipedia.org/wiki/ISO/IEC_15504
- ISO 33020 https://www.iso.org/standard/78526.html