Was ist der UX-Reifegrad
... und warum er darüber entscheiden kann, ob Euer nächstes Digitalprojekt gelingt?
Szenario: Du und Dein Team arbeiten an einem neuen Projekt, z. B. einem Spendenformular, einem Mitgliederportal für eine Webseite oder einer App. Alles läuft bestens! Das Design sieht grandios aus, die Entwicklung ist dran, on time und on point. Das komplette Team ist motiviert, nein: HYPED, denn Ihr baut hier gerade was ganz Tolles. Dann, plötzlich, irgendwann im Prozess, tauchen sie auf, die ersten Sandkörnchen im Getriebe. Egal, was Du machst, die Sandkörner werden immer mehr, nie weniger. Endergebnis: halb so gut wie vorgestellt. Kennst Du das?
Willkommen im Execution Gap
Das beschriebene Phänomen hat einen Namen: die Ausführungslücke, auf Englisch der Execution Gap. Der Execution Gap bezeichnet die Lücke zwischen einem überzeugenden Konzept und dem, was ein Team im Alltag tatsächlich umsetzen, pflegen und weiterentwickeln kann. Die Lücke tritt häufiger auf, als man denkt: bei Unternehmen, Organisationen, Hochschulen, öffentlichen Einrichtungen. Bei fast allen, die an digitalen Projekten arbeiten. Die Frage ist: Wie entsteht diese Lücke? An wem oder was liegt das? Und warum kommt sie so oft vor, dass es dafür einen eigenen Namen gibt? Eine der zentralen Ursachen ist der UX-Reifegrad Eurer Organisation.
Der UX-Reifegrad erklärt
Der UX-Reifegrad (englisch: UX Maturity) beschreibt, wie tief menschenzentriertes Design in einer Organisation verankert ist. Menschenzentriertes (oder auch: nutzer:innenzentriertes) Design ist Design, das von echten Nutzerbedürfnissen ausgeht, also durch sie informiert und damit auch beeinflusst wird. Wichtig ist dabei, dass mit dem Begriff „menschenzentriertes Design“ nicht nur die Aktivitäten gemeint sind, die vom Designteam durchgeführt werden, sondern auch alle gestaltenden Aktivitäten meint, die durch Strategie, Prozesse und Kultur eines Unternehmens geformt werden. Gemeint ist also Design nicht als (konzeptuelle und visuelle) Gestaltung, gemeint ist menschenzentriertes Denken und Arbeiten – über alle Gewerke hinweg.
Der dänische UX-Forscher Rolf Molich definiert UX-Reifegrad so:
„UX maturity is the ability of an organization or a product team to define and meet UX goals that help to achieve business goals.“ – Rolf Molich
Kurz gesagt: Je höher der UX-Reifegrad, desto systematischer, verlässlicher und nachhaltiger funktioniert menschenzentriertes Arbeiten, unabhängig davon, ob gerade an der Umsetzung eines Digitalprojekts gearbeitet wird oder nicht.
Woher kommt das Konzept? Eine kurze Geschichte
UX-spezifische Reifegradmodelle gibt es seit rund 30 Jahren, ihre Wurzeln reichen bis in die 1980er-Jahre zurück. Das Capability Maturity Model (CMM) – ab 1986 am Software Engineering Institute der Carnegie Mellon University im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums entwickelt – war das ursprüngliche Vorbild. Es basierte auf der Analyse von Softwareentwicklungsprozessen und beschrieb in fünf Stufen, wie gut oder schlecht diese Prozesse funktionierten. Ziel war nicht Perfektion, sondern Orientierung: Was ist auf welcher Stufe sinnvoll? Und wie kommt man zur nächsten?
Auf diesem Fundament entstanden später UX-spezifische Modelle, wie z. B. Maturity-Modelle der Nielsen Norman Group (2006, überarbeitet 2021) oder Chapman & Plewes (2014), die wie das CMM auf Ergebnisanalysen von Arbeit an Kundenprojekten basieren. Wieder andere Modelle orientieren sich an ISO-Standards wie ISO/IEC 15504 (SPICE) oder ISO/IEC 33020.
UX Maturity-Modelle haben nicht nur unterschiedliche Entstehungshistorien, sondern auch unterschiedlich viele Stufen und Namen für diese Stufen. Was allen Modellen gemein ist: Sie sind nicht als Schablone zu sehen, die man über die Prozesse von Digitalprojekten stülpt und alles rot markiert, was außerhalb der Linien läuft. Modelle sind vereinfachte Abbilder der Wirklichkeit – und genau deshalb hilfreich: Sie geben Richtung, keine Vorschrift.
Das meistzitierte UX-Reifegrad-Modell
Das weltweit meistzitierte UX-Reifegrad-Modell ist vermutlich das der Nielsen Norman Group (NN/g), das mit sechs Stufen arbeitet:
- Absent – Fehlend: UX existiert nicht oder wird aktiv ignoriert
- Limited – Limitiert: UX passiert vereinzelt und ist abhängig von Einzelpersonen
- Emergent – Aufstrebend: UX-Ansätze entstehen, sind aber inkonsistent
- Structured – Strukturiert: UX-Prozesse sind definiert, aber noch nicht überall verankert
- Integrated – Integriert: UX ist Teil des regulären Arbeitsablaufs
- User-Driven – Nutzer:innengesteuert: Menschenzentriertes Denken treibt die gesamte Strategie an
Zusammenfassend beschreibt das Modell, wie auch alle anderen UX Maturity-Modelle, die UX-Stärken und -Schwächen einer Organisation, von Organisationen, die (noch) nicht menschenzentriert arbeiten (= Stufe 1: „Absent - Fehlend“), bis hin zu Organisationen, bei denen menschenzentriertes Arbeiten und Denken in Fleisch und Blut übergegangen ist (= Stufe 6: „User-Driven - Nutzer:innengesteuert“). Die ausführliche Beschreibung der Stufen ist auf der Seite der Nielsen Norman Group (www.nngroup.com/articles/ux-maturity-model) zu finden.
Wie steigert man den UX-Reifegrad?
It's a long way to the top if you wanna rock 'n' roll... or ist it?
Jetzt, da Du etwas mehr über UX Maturity weißt, hast Du bestimmt schon angefangen, Dir Gedanken darüber zu machen, auf welcher Stufe sich Dein Team oder Deine Organisation aktuell befinden könnte. Vielleicht vermutest Du, dass Ihr Euch auf Stufe 1 befindet und denkst nun, dass der Weg zur Stufe 6 ein langer, steiniger Weg ist, den man besser gar nicht erst angeht.
Auch wenn der Aufstieg im UX-Reifegrad sicherlich nicht einfach ist, gibt es eine sehr wichtige, sehr gute Nachricht: Man muss nicht ganz nach oben und die höchste Reifestufe erreichen, um sehr gute menschenzentrierte Arbeit zu leisten, die sich nachhaltig und positiv auf Deine Organisation auswirkt.
Es gibt keine öffentliche Rangliste, keinen Wettbewerb und keinen Goldstandard, den alle erreichen müssen. Der UX-Reifegrad ist kein Zielzustand – er ist ein Navigationsinstrument. Was zählt, ist nicht die Stufe, auf der Du und Dein Team heute steht, sondern dass Ihr ehrlich wisst, wo Ihr steht. Denn nur dann können Projekte so gestaltet werden, dass sie auch wirklich für Euch funktionieren.
Lohnt sich eine Bestimmung des UX-Reifegrads?
Kurz gesagt: auf jeden Fall! Mit einer UX-Maturity-Bestimmung legt man den wichtigsten Grundstein für ein erfolgreiches Projekt. Nicht, weil man das eben so macht, sondern weil Du dann weißt, was für Dich und Dein Team sinnvoll – weil leistbar – realistisch ist. Denn wenn man weiß, für welchen UX-Reifegrad man gestaltet, ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass man ein Projekt umsetzt, das erfolgreich ist, statt eines, das hinter den Erwartungen zurückbleibt. Lorraine Chapman und Scott Plewes haben es so formuliert:
„Understanding the organization’s ‘maturity’ level is a necessary first step for improving the effective delivery of UX design and for enabling the organization to advance to the proverbial ‘next level.’“ – Lorraine Chapman und Scott Plewes
Weiterführende Quellen
- UX maturity — for UX Professionals, Rolf Molich: https://www.dialogdesign.dk/a-ux-maturity-scale/
- Capability Maturity Model (CMM): https://de.wikipedia.org/wiki/Capability_Maturity_Model
- The 6 Levels of UX Maturity, Nielsen Norman Group: https://www.nngroup.com/articles/ux-maturity-model/
- A UX Maturity Model: Effective Introduction of UX into Organizations, Lorraine Chapman and Scott Plewes: https://www.researchgate.net/publication/300580785_A_UX_Maturity_Model_Effective_Introduction_of_UX_into_Organizations
- ISO/IEC 15504-5 (SPICE): https://de.wikipedia.org/wiki/ISO/IEC_15504
- ISO/IEC 33020:2019 Information technology — Process assessment — Process measurement framework for assessment of process capability: https://www.iso.org/standard/78526.html
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